Gemeinschaft als Methode: Zum Tod von George De Leon

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Veröffentlicht: 12.10.2026 12:00

Gemeinschaft als Methode: Zum Tod von George De Leon

Mit George De Leon ist einer der wichtigsten Denker der Therapeutischen Gemeinschaft gestorben. Er hat gezeigt, dass Gemeinschaft selbst heilen kann, und dieser Erfahrung eine wissenschaftliche Sprache gegeben.

George De Leon

George De Leon, Standbild aus dem Video „The TC Training Series Volume II“ mit Dr. De Leon (Amity Foundation, YouTube)

Anfang Oktober hat Phoenix Futures, einer der großen Träger Therapeutischer Gemeinschaften in Großbritannien, die Nachricht vom Tod George De Leons veröffentlicht. Für viele, die in Therapeutischen Gemeinschaften arbeiten oder dort selbst ihren Weg zurück ins Leben gefunden haben, ist das ein tiefer Einschnitt. Auch für mich.

George De Leon war Psychologe, Forscher, Lehrer und Autor. Zwei Jahrzehnte lang hat er bei Phoenix House in New York geforscht und dort genauer als irgendjemand vor ihm untersucht, wie Menschen in einer Therapeutischen Gemeinschaft eigentlich gesund werden. Seine Arbeiten haben wesentlich dazu beigetragen, dass das Modell als wirksamer Ansatz in der Suchtbehandlung anerkannt wurde. Sein Buch „The Therapeutic Community: Theory, Model and Method“ aus dem Jahr 2000 ist bis heute das Grundlagenwerk des Feldes. Bei Phoenix nennen sie es liebevoll die „TC-Bibel“, das rote Buch, an dem sich die ganze Praxis ausrichtet.

Sein bekanntester Gedanke ist zugleich sein einfachster: Gemeinschaft als Methode. Nicht die einzelne Therapiestunde, nicht das Medikament und nicht der Experte allein bewirken die Veränderung, sondern das gemeinsame Leben, in dem jeder Verantwortung trägt, Rückmeldung gibt und Rückmeldung annimmt. De Leon hat daraus eine klare Haltung abgeleitet. Genesung ist für ihn mehr als das Ende des Konsums. Sie ist ein Prozess persönlichen Wachstums, ein Wandel der Identität und eine Rückkehr in die Gesellschaft. Wer gesund wird, lernt ein anderes, aufrichtigeres Leben zu führen.

Was ihn besonders machte, war seine Fähigkeit, Theorie und Praxis zusammenzubringen. Er war kein Forscher, der von außen auf die Gemeinschaften blickte. Er besuchte sie gern, diskutierte stundenlang mit Mitarbeitenden und Bewohnern und nahm deren Erfahrung ernst. Die Kolleginnen von Phoenix erinnern sich an einen Besuch im Jahr 2012, bei dem der damals über Achtzigjährige seine Begleiter anschließend durch Liverpool führte, bis ihnen die Beine wehtaten. Auf dem EFTC-Kongress 2022 in Glasgow musste eine zusätzliche Sitzung angehängt werden, weil er das Gespräch noch nicht für beendet hielt. Neugier, Wärme und Respekt vor jedem Menschen, ob Fachkollege oder Mensch auf dem Weg der Genesung, ziehen sich durch alle Erinnerungen an ihn.

Für meine eigene Arbeit ist De Leon eine wichtige Brücke. Das Bad Herrenalber Modell, das Walther H. Lechler aus der Erfahrung der Selbsthilfe und der Zwölf Schritte heraus entwickelt hat, versteht die Klinik als Lehr-Lern-Gemeinschaft, in der Patientinnen, Patienten und Team gemeinsam lernen. Lechler hat aus dem Erleben heraus formuliert, was De Leon später mit wissenschaftlicher Genauigkeit beschrieben hat: dass die Gemeinschaft selbst das Heilmittel ist. De Leon gibt uns die Sprache, um diese Erfahrung auch gegenüber Forschung, Kostenträgern und Skeptikern zu vertreten.

Sein Verständnis von Genesung als Identitätswandel und Wiedereingliederung bestärkt mich auch in der Frage, die mich mit der Komitee Cloud beschäftigt. Wenn Genesung nicht an der Kliniktür endet, sondern im Alltag weitergeht, dann braucht es auch nach dem Aufenthalt eine Gemeinschaft, die trägt. Die Methode Gemeinschaft darf nicht mit der Entlassung aufhören.

George De Leon hinterlässt eine Lücke, aber auch ein Werk, das in Therapeutischen Gemeinschaften auf der ganzen Welt weiterlebt, in den Menschen, die er gelehrt hat, und in den vielen, die durch die Kraft der Gemeinschaft ein neues Leben gefunden haben. Ich bin dankbar für das, was er uns hinterlassen hat.

Quelle: Nachruf von Phoenix Futures, 6. Oktober 2026